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Referenzen

Rezension

…“Das Buch mit dem Roth schon bei seinen Zeitgenossen auf großes Echo gestoßen war und das ihn als Schriftsteller etablierte, war zugleich sein „jüdischstes“: Hiob, Roman eines einfachen Mannes (1930). In vielen Aspekten ist der Roman eine literarische Transposition dessen, was er in Juden auf Wanderschaft als journalistischer Beobachter beschrieben hatte. In der Geschichte der Familie Singer werden Gesellschaft, Kultur und Religion der Ostjuden bzw. gerade die Auflösung jener alten Ordnungen thematisiert: die Konfrontation mit Assimilation und Auswanderung.

Zur literarischen Beschreibung dieser jüdischen Lebenswelten bedient sich Roth zweier biblischer Mytheme, der Hiob-Legende und der Josephs-Legende (Shaked). Gemäß der Hiob-Legende erscheint die Assimilation der Singers als Katastrophe. Mendel Singer sieht seine religiöse Lebenswelt durch eine Reihe von „Unglücksfällen“, die seinen Kindern zustoßen, in Frage gestellt: Der jüngste Sohn Menuchim kommt behindert zur Welt, Mirjam liiert sich mit Kosaken, Jonas wird Bauer und Soldat, Schemarjah emigriert  - als „Sam“ – nach Amerika, für Roth Inbegriff einer unheilvollen Moderne, und wird Geschäftsmann. All dies sind Formen der Transgression des Judentums, die Mendels Angst vor dem Nichtjüdischen symbolisieren. Zum eigentlichen Hiob wird er, als er die Kinder in Krieg und Wahnsinn vollends verlorengehen und seine Frau aus Verzweiflung stirbt. Mit dem Vorsatz „Gott will ich verbrennen“ bricht er jede religiöse Praktik ab. Damit folgt aus der tragischen Assimilationsgeschichte der Kinder Mendels eigenen Assimilation. Dagegen steht jedoch in der Figur Menuchims eine „positive Assimilationsgeschichte“: Der inzwischen berühmte Komponist erscheint am Ende als geradezu messianisch semantisierter Retter, der die Reste der Familie wieder zusammenführt, so wie der von seinen Brüdern verstoßene Joseph in der biblischen Legende den Stamm Israels restituiert.“

Andreas Kilcher


Quelle:

Kilcher, Andreas B., Metzler-Lexikon der deutsch-jüdischen Literatur. Jüdische Autorinnen und Autoren deutscher Sprache von der Aufklärung bis zur Gegenwart. Verlag J.B. Metzler Stuttgart. Weimar. 2000, S. 497.