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Referenzen

Joseph Roth: Hiob erster Teil

Inhalt mit Anmerkungen zur Analyse

Textverweise beziehen sich auf:  Roth, Joseph: Hiob. Roman eines einfachen Mannes. Kommentierte Ausgabe mit Kommentar von Heribert Kuhn. Suhrkamp Verlag. Erste Auflage. Berlin 2011.


Kapitel 1:

Darstellung des Lebens im Schtetl, der Familie Mendel und des Problems um den behindert geborenen Menuchim. Beschreibung des Lebens des Protagonisten Mendel Singer. Er ist Bibellehrer, Inbegriff von Durchschnittlichkeit, Mittelmäßigkeit und Armseligkeit. “Sie hatten kein Gold zu wägen und keine Banknoten zu zählen. Dennoch rann sein Leben stetig dahin, wie ein kleiner, armer Bach zwischen kärglichen Ufern.“ (S. 9) Er lebt mit seiner Familie in dem (frei erfundenen) Schtetl Zuchnow. An der Seite seiner Frau Deborah (neidisch, schicksalsbitter, tatkräftig; S. 10) und seiner drei Kinder Jonas, Schemarjah und Mirjam, die bei dem Vater eine Sonderstelle einnimmt, führt er eine unscheinbare Existenz. Die Geburt des behinderten Sohnes Menuchim stellt eine Wende in dem scheinbar heilen Familienleben dar und wird als Schicksalsschlag verstanden. Deborah bringt imposant Menuchim zu einem wundertätigen Rabbi im Ort Kluczýsk, „Wie eine Fackel wehte Deborah einher“ (S. 18). Dieser prophezeit das besondere Leben Menuchims (Schlüsselsatz) „Der Schmerz wird ihn weise machen, die Häßlichkeit gütig und die Krankheit stark.“ (S.19) und mahnt sie ihn wie ein gesundes Kind zu behandeln.

Kapitel 2:

Rückkehr der Mutter, problembehaftete Beziehung der Kinder zueinander, hilflose Wut des Vaters, Älterwerden der Eltern, verzögerte Entwicklung von Menuchim. Verändert durch die Begegnung mit dem Rabbi, wendet sich Deborah Menuchim zu und von ihren anderen Kindern ab. Die Kinder Jonas (Erstgeborener, stark wie ein Bär, krauses Haar, ewighungrig, einfach; S.21), Schemarjah (geschickt, dünn, schlau wie Fuchs; S.21) und Mirjam mögen Menuchim nicht. Sie schämen sich für seine Existenz, „Sie schleppten Menuchim wie ein Unglück durch die Stadt“ (S.22). Sie treiben sadistische Spiele mit ihm und versuchen ihn zu ertränken. Menuchim überlebt.

Kapitel 3:

Rückblende: Deborah ist mit Menuchim schwanger. Symbolhafte Einblende drohendes Unglück: das kurze Verschwinden Mirjams. Bildhafte Vergleiche der Kinder: Jonas – stark und langsam wie ein Bär; Schemarjah – schlau und hurtig wie ein Fuchs; Mirjam – kokett und gedankenlos wie eine Gazelle (S.28). Mirjam ist Lustobjekt der Soldaten und macht sich selbst auch dazu. Die Söhne Jonas und Schemarjah brechen mit dem Weltbild des Vaters und kommen zum Militär. Mit beidem wird ein lasterhaftes, gegen jüdische Sitte verstoßendes und ungerechtes Leben assoziiert. Aufgrund des Vorfalls der Trunkenheit Jonas erfolgt ein Bruch zwischen den Brüdern. Deborah ist wütend entsetzt als sie vom Einzug der Söhne erfährt, Mendel verwirrt hilflos.

Kapitel 4:

Gegenüberstellung der passiven, schicksalsergebenen Züge Mendels zu den aktiven, autarken Zügen Deborahs in der Diskussion um die Figur des Kapturak (Mann ohne Alter, ohne Familie, ohne Freunde, S.38). Dieser tritt als Vertreter (und Personifikation) der verruchten Welt der Bürokraten auf. Schlüsselsatz Mendel: „Man soll sein Schicksal tragen“ (S. 39). Darstellung der Beziehung zwischen Mendel und Menuchim, positiv, aber hilflos. Deborah sucht Kapturak auf, um ihn zu beauftragen, die Entlassung der Söhne aus dem Militärdienst zu veranlassen. Dieser willigt zum Preis von 25 Rubel für einen Sohn ein. Deborah steht im Konflikt, da sie sich vermeintlich für einen Sohn entscheiden muss. Diese Entscheidung wird ihr von Jonas abgenommen, der sich widersetzt und freiwillig Soldat werden möchte. Er verlässt die Familie, um beim Fuhrman Sameschkin zu leben und zu arbeiten und führt fortan ein für Mendel unsittliches Leben.

Kapitel 5:

Auftauchen eines soldatisch wirkenden Boten Kapturaks, der Schemarjah abholt und ihm zur Flucht vor den Schergen verhelfen soll. Auf dem Weg ins Ausland kehren sie in eine Schenke ein. Darin findet sich eine Gruppe weiterer Desserteure. Gemeinsam passieren sie die Grenze und erreichen das Ausland. Im Hause Singer bleiben die alten Eltern mit dem kranken Menuchim und der koketten Mirjam zurück. Deborah bemerkt das häufige Verschwinden Mirjams. Von Jonas erhält die Familien von Zeit zu Zeit einen Gruß aus seinem Dienst.

Kapitel 6:

Ein Fremder taucht auf und überbringt einen Brief von Schemarjah alias Sam aus dem Exil. Es handelt sich um den Amerikaner und Freund Schemarjahs namens Mac. Im Brief berichtet Schemarjah wie er sich die Überfahrt durch Arbeit verdient und das Mädchen Vega kennengelernt hat. Zwei Monate nach seiner Überfahrt in die USA sei sie nachgekommen, sie haben geheiratet. Er schickt Geld und kündigt die Sendung von Schiffskarten an, um die Eltern in die USA zu holen. Zunächst sind diese dagegen. Als Mendel seine Tochter in der Liaison mit einem Kosaken beobachtet, ändert er seine Meinung. Er plant Menuchim zurück zu lassen.

Kapitel 7:

Mirjam schließt die Fensterläden des Elternhauses – Sarg-Assoziation S.71. Mendel fährt in die Stadt Dubno, um die Ausreisepapiere zu organisieren. Die Beamten ziehen ihn über den Tisch, schließlich landet er wieder bei Kapturak, der gegen Geld die Organisation der Reise zusagt. Wie ein monotoner Chor (Verfremdung) schallt es von Umstehenden „Verlaß Dich ruhig auf Kapturak.“ (S. 78). Schicksalsträchtig passiert auf dem Rückweg mit dem Fuhrmann ein Unfall und Mendel muss auf der Straße nächtigen.

Kapitel 8:

Vorbereitungen zur Reise. Die überdrüssige Mirjam versucht Deborah zu überreden nur zu zweit, ohne die restliche Familie, nach Amerika zu reisen. Mendel indessen besucht die Familie Billes, die er für gesegnet hält. Er plant ihnen das Haus zu übergeben, mit der Bitte sich um Menuchim zu kümmern. Es wird so angenommen und es erfolgt die Ausreise der Familie ohne Menuchim. Erneut das Bild des Hauses als Sarg „Sie [Deborah] setzt ihn [Menuchim] sachte auf die Schwelle, wie man eine Leiche in den Sarg legt,…“ (S. 92). Sie lassen Menuchim zurück. Es erfolgt eine Personifikation der Eisenbahnräder, die mahnend die Wort des Rabbi wiederholen (Verfremdung) „Verlaß ihn nicht!“ (S.93). Dies ist eine Metapher für Deborahs schlechtes Gewissen, das mit der Entfernung von Menuchim wächst. Beschreibung der Überfahrt mit dem Schiff Neptun.

Kapitel 9:

Ankunft in New York. Metapher der Migranten als Ladegut. „Am Vormittag des fünfzehnten Tages wurde sie ausgeladen“ (S. 97). Erstes Wiedersehen mit Schemarjah, der sich in Amerika Sam nennt. Diese Szene der ersten Begegnung wird als Bild aus der Perspektive der Eltern wie ein verdoppelndes Trugbild (Verfremdung) gezeichnet. Sie sehen sich gleichzeitig begrüßt von Schemarjah, ihrem Sohn wie sie ihn kannten, in seiner früheren Bekleidung und von Sam, dem Sohn der sich bezüglich Sprache, Name und gepflegter Erscheinung verfremdet hat, der amerikanisiert ist. Kurzer Aufenthalt der Ankömmlinge in Quarantäne. Es werden die ersten Eindrücke im fremden Land beschrieben. „Schleier aus Ruß, Staub und Hitze“ (S.99), Allegorie - Wind als „feuriger Atem der Hölle“ (ebd.) … er bestand aus Lärm und Geschrei“…(ebd.) Letztlich verfällt Mendel einer Sinnkrise und fühlt sich einsam.


Quellen:

Roth, Joseph: Hiob. Roman eines einfachen Mannes. Kommentierte Ausgabe mit Kommentar von Heribert Kuhn. Suhrkamp Verlag. Erste Auflage. Berlin 2011.

Blanke, Hans-Jürgen: Joseph Roth. Hiob. Interpretation. Oldenbourg Interpretationen Bd. 58. Erste Auflage. München 1993.

©Nicolaja Kautzmann 2015